Barmherzigkeit #40

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Eine der Folgen des sogenannten »Wohlstands« ist es, dass die Menschen sich in sich selbst verschließen und unsensibel gegenüber den Bedürfnissen der anderen werden. Man tut alles, um sie zu täuschen und ihnen oberflächliche Lebensmodelle zu präsentieren, die nach ein paar Jahren verschwinden, so als wäre unser Leben eine Mode, der man folgt und die man von Saison zu Saison wechselt. So ist es nicht. Man muss die Wirklichkeit so annehmen und sich ihr so stellen, wie sie ist, und oft begegnen wir dabei dringenden Notlagen.

Daher findet sich unter den Werken der Barmherzigkeit der Hinweis auf den Hunger und auf den Durst: die Hungernden speisen – es gibt heute viele von ihnen – und den Dürstenden zu trinken geben. Wie oft informieren uns die Medien über Bevölkerungsgruppen, die Mangel an Nahrung und Wasser leiden, mit schlimmen Folgen besonders für die Kinder.

Angesichts bestimmter Nachrichten und vor allem bestimmter Bilder fühlt sich die öffentliche Meinung innerlich berührt, und ab und zu gibt es Spendenaktionen, um die Solidarität anzuspornen. Es wird großherzig gespendet, und auf diese Weise kann man dazu beitragen, das Leiden vieler Menschen zu lindern. Diese Form der Nächstenliebe ist wichtig, aber vielleicht betrifft sie uns nicht unmittelbar. Wenn wir jedoch unterwegs auf der Straße einem Menschen in Not begegnen, oder wenn ein Armer an unsere Haustür klopft, dann ist es ganz anders, weil ich nicht mehr einem Bild gegenüberstehe, sondern wir persönlich betroffen sind. Es gibt keine Distanz mehr zwischen mir und ihm oder ihr, und ich fühle mich angesprochen. Die Armut als abstrakte Größe spricht uns nicht an, sondern bringt uns zum Nachdenken; wir klagen darüber. Wenn wir jedoch die Armut im Fleisch eines Mannes, einer Frau, eines Kindes sehen, das spricht uns an!

Daher kommt unsere Gewohnheit, Notleidenden aus dem Weg zu gehen, uns ihnen nicht zu nähern. Durch die Gewohnheiten, die gerade in Mode sind, beschönigen wir die Wirklichkeit der Notleidenden etwas, um ihr fernzubleiben. Es gibt keine Distanz mehr zwischen mir und dem Armen, wenn ich ihm begegne. Wie sieht in solchen Fällen meine Reaktion aus? Wende ich meinen Blick ab und gehe vorüber? Oder bleibe ich stehen, um mit ihm zu sprechen, und interessiere mich für seine Lage? Und wenn du das tust, dann wird sicher jemand sagen: »Der ist verrückt, weil er mit einem Armen spricht!« Schaue ich, ob ich jenen Menschen irgendwie aufnehmen kann, oder versuche ich, ihn möglichst schnell loszuwerden? Vielleicht bittet er aber nur um das Nötigste: etwas zu essen und zu trinken. Denken wir einen Augenblick nach: Wie oft beten wir das »Vaterunser«, achten aber nicht wirklich auf folgende Worte: »Unser tägliches Brot gib uns heute.«

In der Bibel heißt es in einem Psalm, dass Gott »allen Geschöpfen Nahrung gibt« (136,25). Hunger ist eine harte Erfahrung. Wer Kriegszeiten oder Hungersnöte erlebt hat, weiß das. Dennoch wiederholt sich diese Erfahrung jeden Tag; sie lebt Seite an Seite mit Überfluss und Verschwendung. Die Worte des heiligen Jakobus sind stets aktuell: »Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat« (2,14-17), weil er unfähig ist, Werke zu tun, Nächstenliebe zu üben, zu lieben. Es gibt immer jemanden, der Hunger und Durst hat und mich braucht. Ich kann niemand anderen »delegieren«. Dieser Arme braucht mich, meine Hilfe, mein Wort, meinen Einsatz. Wir alle sind davon betroffen.

Das ist auch die Lehre in jenem Abschnitt aus dem Evangelium, in dem Jesus die vielen Menschen sieht, die ihm seit Stunden nachfolgen, und seine Jünger fragt: »Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?« (Joh 6,5). Und die Jünger antworten: »Das ist unmöglich, es ist besser, du schickst sie weg…« Jesus dagegen sagt zu ihnen: Nein, »gebt ihr ihnen zu essen!« (Mt 14,16). Er lässt sich die wenigen Brote und Fische geben, die sie bei sich hatten, segnet sie, bricht sie und lässt sie an alle verteilen. Das ist eine sehr wichtige Lehre für uns. Sie sagt uns, dass das Wenige, das wir haben, zu einer überreichen Fülle wird, wenn wir es den Händen Jesu anvertrauen und es im Glauben teilen.

Papst Benedikt XVI. sagt in der Enzyklika Caritas in veritate: »Den Hungrigen zu essen geben (vgl. Mt 25, 35.37.42) ist ein ethischer Imperativ für die Weltkirche […] Das Recht auf Ernährung sowie das auf Wasser spielen eine wichtige Rolle für die Erlangung anderer Rechte […] Darum ist es notwendig, dass ein solidarisches Bewusstsein reift, welches die Ernährung und den Zugang zum Wasser als allgemeine Rechte aller Menschen betrachtet, ohne Unterscheidungen und Diskriminierungen« (Nr. 27).

Vergessen wir nicht die Worte Jesu: »Ich bin das Brot des Lebens« (Joh 6,35) und »Wer Durst hat, komme zu mir« (Joh 7,37). Diese Worte sind für uns alle, für alle Gläubigen eine Herausforderung: Wir müssen erkennen, dass es zu unserer Beziehung zu Gott – einem Gott, der in Jesus sein barmherziges Angesicht offenbart hat – gehört, dass wir Hungrige speisen und Dürstenden zu trinken geben.

Quelle: vatican.va (19.10.2016)