Weltformat mit Kurt Kardinal Koch aus Rom

Kurt Kardinal Koch ist der vatikanische Ökumene-Minister und damit zuständig für den Dialog um die Einheit unter den verschiedenen christlichen Konfessionen. Er spricht im Gespräch mit Martin Iten über seine herausfordernde Arbeit, das Friedensgebet mit Papst Franziskus, die kommende Bischofssynode und über seine Heimat die Schweiz.

Hier folgt ein Teil des Interviews in einer Abschrift:

Eminenz, Kurt Kardinal Koch, Sie sind wieder einmal in der Schweiz. Sind Sie eigentlich oft hierzulande anzutreffen?

Nein, nicht sehr viel. Und ich muss auch schauen, schliesslich bin ich jetzt zuständig für die ganze Welt und kann nicht zu oft in der Schweiz sein.

Sie sind seit einigen Jahren Präsident vom Rat für die Einheit der Christen. Sie haben damit eine ganz wichtige Funktion innerhalb der Weltkirche. Sie sind ein enger Mitarbeiter von Papst Franziskus und haben somit auch eine riesige Verantwortung. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Der Hauptauftrag ist natürlich das, was Jesus im hohenpriesterlichen Gebet sagt, nämlich dass die Jünger eins sein sollen, damit die Welt glaubt. Das ist der Auftrag von unserem gemeinsamen Herr, Jesus Christus, damit wir die Einheit unter den Jüngerinnen und Jünger wieder finden. Und hierfür braucht es natürlich viele Gerspräche, Dialoge und viele Begegnungen. Wir haben Dialoge mit etwa 17 verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften und Kirchen.

Sie haben mir einmal erzählt, dass diese Gespräche hauptsächlich mit orthodoxen und aus der Reformation hervorgegangen Kirchenen sind. Kürzlich hat Papst Franziskus mit einer Videobotschaft besonders auch freichristliche Gemeinden in Amerika angesprochen. Ist das ein neuer Dialog, den die Weltkirche hier mit „neuen“ christlichen Gemeinschaften eingehen will?

Der Pentekostalismus ist eine ganz grosse Bewegung. Er ist rein zahlenmässig die zweitgrösste Realität nach der römisch-katholischen Kirche. Man muss also von einer Pentekostalisierung des Christentums, oder gar von einer vierten Form neben der katholischen, orthodoxen und protestantischen, sprechen. Bisher war es nicht sehr einfach mit diesen Bewegungen Gespräche zu führen und einen Dialog zu eröffnen. Ich bin zuversichtlich und dankbar, dass durch Papst Franziskus Türen geöffnet werden, die bisher verschlossen waren. Das ist nur positiv.

Wie zeigt sich das konkret in Ihrer Arbeit, dass hier neue Türen geöffnet wurden?

Gerade die Botschaft, die Sie angesprochen haben, ist in diesen Kreisen wirklich sehr positiv angekommen und sie suchen nun vielmehr den Dialog mit der katholischen Kirche. Viele dieser Bewegungen sind ja ursprünglich anti-katholisch gewesen und haben Katholiken eher als Häretiker, die nicht richtig glauben, angeschaut. Durch die Begegnung haben sie neu entdeckt, dass in der katholischen Kirche ein grosser Schatz vorhanden ist und dass sich die Gemeinschaft mit ihr lohnt.

Sie sind viel unterwegs, reisen durch die Welt und treffen Vertreter der verschiedenen Konfessionen. Zwischendurch leben Sie im Vatikan, wo Sie ihren Wohnsitz haben. Wie lebt man als Schweizer als Kurienkardinal im Vatikan?

Es ist natürlich ein ganz anderer Lebensstil als in der Schweiz. Nur schon die Zeiten. Wir fangen in Rom morgens um 8.30 Uhr an und arbeiten bis um 13.30 Uhr. In der Schweiz wäre das unvorstellbar, weil alle um 12 Uhr schon Hunger haben. In Rom sind die Bürozeiten dann am Abend länger. Das wunderschöne am Vatikan ist aber, dass die ganze Weltkirche immer präsent ist, man hat so viele Besuche aus aller Welt, Begegnungen mit Menschen, Priestern, Ordensleuten, Bischöfen, die aus der ganzen Welt nach Rom kommen. So ist die Weite der Weltkirche immer präsent. Das ist sehr schön und tut gerade einem Schweizer gut.

Da wollte ich gerade nachfragen. Denn, als Schweizer bekommt man von dieser Weltkirche ja nicht so viel mit. Denken Sie, dass man in der Schweiz manchmal etwas mehr den Blick auf die Weltkirche richten könnte?

Ich war immer schon sehr begeistert davon, dass die katholische Kirche eine Weltkirche ist. Gerade in einer Situationen der Globalisierung der Welt ist es auch wirklich gut, dass es auch eine Globalisierung des Glaubens und der Religion gibt. Und die katholische Kirche ist nun mal der älteste Global-Player, oder besser gesagt, ein Global-Prayer. Diese weltweite Dimension zu sehen, ist etwas sehr Schönes.

Wir haben im Vorfeld dieses Gespräches unsere Hörerinnen und Hörer aufgerufen, über Internet uns Fragen zukommen zu lassen, damit wir Ihnen diese stellen können. Dabei sind sehr interessante Fragen bei uns angeliefert worden. Eine Frage davon geht ganz konkret um Ihre Tätigkeit in der Ökumene. Und zwar: Können Sie einem Jugendlichen auf den Punkt gebracht erklären, was die gegenwärtigen Knackpunkte der Ökumene sind?

Das sind natürlich sehr unterschiedliche Punkte. Man unterscheidet die sogenannte Ökumene im östlichen Teil der Welt und jene im westlichen Teil. Im östlichen Teil geht es um den Dialog mit den orthodoxen Kirchenen, wo momentan eine ganz schwierige Situation entstanden ist durch die grosse Krise in der Ukraine, wo es Spannungen zwischen dem orthodoxen Patriarchat in Moskau und den griechischen Katholiken in der Ukraine hervorgerufen hat. Ich hoffe eigentlich, dass diese Krise eher Anlass wird, dass man sich zusammenfindet und gemeinsam Zeugnis abgibt, als dass neue Spannungen entstehen. Im westlichen Bereich, mit der protestantischen Kirche, sind es weltweit gesehen vielleicht zwei Hauptprobleme. Zuerst, dass es unter den Protestanten weltweit gesehen keine Tendenz auf mehr Einheit untereinander festzustellen ist. Es ist eine grosse Fragmentierung, es entstehen immer neue Kirchen. Und das ist eigentlich das Konträre zu dem, was wir suchen. Und das Zweite ist, dass wir fast kein gemeinsames Ziel der Ökumene mehr haben. Wir sind uns in sehr verschiedenen Fragen einig geworden, aber wir sind uns nicht einig, wohin die Reise denn gehen soll. Und wir können ja auch in der Ökumene nicht nach dem Motto des Wiener Komikers Qualtinger handeln: „Ich weiss zwar nicht wohin ich will, aber dafür bin ich umso schneller dort.“ Das ist keine sinnvolle Perspektive und darum müssen wir uns ganz neu darum bemühen, wieder ein gemeinsames Ziel zu formulieren und uns überlegen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte.

Wie macht man das?

Gespräch, Dialog und Begegnungen. Das ist das Lebenselexier der Ökumene. Man kann es nicht mit Papier und Briefen tun, obwohl es dies natürlich auch braucht als Hilfsmittel. Das Wichtigste ist die unmittelbare Begegnung.

Was für eine Rolle spielt das gemeinsame Gebet? Ist das Gebet überhaupt ein Bestand von ökumenischen Dialogen?

Das Gebet um die Einheit der Christen ist das A und O der Ökumene. Die ökumenische Bewegung hat angefangen mit der Einführung der Gebetswoche für die Einheit der Christen, die jeweils im Januar stattfindet. Ohne diese Gebetsbewegung wäre das ökumenische Schiff nie losgefahren. Das Gebet kann nicht nicht nur ein Anfang sein, den wir hinter uns lassen können, sonder das muss uns immer wieder neu begleiten, denn das Gebet um die Einheit macht uns ja auch immer wieder bewusst, dass wir diese Einheit nicht selber schaffen, sondern, dass wir sie nur von Gott schenken lassen können. Wir uns aber darauf vorbereiten und dafür offen und empfänglich sein müssen. Darum ist das Gebet von entscheidender Bedeutung.

Eine weitere Frage, die wir über Internet erhalten haben: Wie hat sich Ihr persönlicher Blick auf die Kirche, auf die Ökumene und auf die Religionen seit Ihrem Amtsantritt im Vatikan verändert?

Die Ökumene hilft, den eigenen Glauben neu zu sehen. Viele haben ja angst, dass man in der Ökumene etwa den Glauben verlieren könne. Ich muss umgekehrt sagen: durch die Ökumene wird man immer mehr katholischer. Man kann den eigenen Glauben besser vertiefen. Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt: „Wer nur England kennt, kennt England nicht“. Denn England kennt man nur, wenn man auch die Schweiz, Amerika und China usw. kennt. So kann man gerade in der Begegnung mit anderen christlichen Gemeinschaften und Kirchen die Schönheit der katholischen Kirche neu entdecken. Mir ist vor allem aufgegangen, welches grundlegendes Geschenk, von Gott her, das Papsttum innerhalb der katholischen Kirche ist. Als ein Hort von der Einheit, der Kirche. Ich bin heute überzeugt, dass ohne Papsttum mit der katholischen Kirche das Gleiche passiert wäre, wie mit den Orthodoxen. Sie wäre in eine Summer von autokephalen Nationalkirchen auseinandergefallen. Hier wieder neu zu entdecken, was die grundlegende Schönheit der katholischen Kirche ist, das geht einem besonders in der Ökumene auf.

Ein Jugendlicher fragt: Was können eigentlich junge Menschen in der Schweiz, Österreich und Deutschland beitragen, dass die Ökumene gelingen kann? Wie kann ein Jugendlicher konkret den Auftrag von Jesus umsetzen?

Das Wichtigste haben wir bereits angesprochen. Es ist das Gebet. Die Einheit der Christen ist ein Herzensanliegen von Jesus, und was ein Herzensanliegen von Jesus ist, muss auch unseres werden. Das Zweite ist, dass man mit Freunden und Kollegen, die anderen christlichen Gemeinschaften und Kirchen angehören, nicht nur über den Sport und über die Musik, sondern auch über den Glauben redet. Und sich dabei nicht nur gegenseitig besser erkennt, sondern auch den Glauben besser versteht.

In einer anderen Begegnung haben Sie mir erzählt, dass man in der Ökumene unterscheidet zwischen dem Dialog der Wahrheit und dem Dialog der Liebe. Als junger Mensch ist es aber oft schwierig, diese beiden Dinge nicht zu vermischen. Einerseits sucht man die Freundschaft, aber es kommen dann manchmal auch theologische Unterschiede zur Diskussion, die alles wieder gefährden. Wie kann man da gut vorgehen?

Ich glaube, es braucht den gleichen Weg, wie bei einer menschlichen Liebesbeziehung. Am Anfang stehen da auch viele Emotionen und ein Berührt-sein von der Liebe. Aber je mehr, dass man den anderen Menschen gern hat, umso mehr will man ihn auch kennenlernen, ihn entdecken. Darum ist es auch in der Ökumene wichtig: Ohne den Dialog der Liebe, der Freundschaft und der Geschwisterlichkeit, wird der andere Dialog nicht vorangehen. Aber, wenn man diesen Dialog der Liebe wirklich pflegt, dann kommt man von alleine dazu, dass man den Anderen von seiner tiefsten Glaubensüberzeugungen kennenlernen will. Und damit ist man bereits im Dialog der Wahrheit.

Eine konkrete Frage an Sie: Gibt es weltweit Initiativen, die man als Modell für gelungene Ökumene erwähnen kann?

Es ist erstaunlich, wie viele Bewegungen und Gemeinschaften, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden sind, das Ziel der Einheit im Mittelpunkt haben. Auf protestantischer Seite zum Beispiel Taizé, wo sehr stark die Einheit in ganz tiefer Art im Vordergrund hat. Auf katholischer Seite gibt es zum Beispiel die Fokolar-Gemeinschaft, die eine sehr starke Spiritualität der Einheit haben. Es hat bereits zwei europäische Treffen von kirchlichen Gemeinschaften und Bewegungen gegeben, die um das Thema der Einheit herumgehen. Die Einheit war ja auch ein Herzensanliegen des Konzils.

Sprechen Sie von der Initiative „Miteinander für Europa“?

Ja. Das ist eine von diesen Initiativen, in der vor allem sehr viele junge Menschen engagiert sind und aus einem christlichen Geist heraus Europa gestalten wollen. Europa hat ja nicht nur eine christliche Vergangenheit, sondern hat auch nur Zukunft, wenn es die christlichen Wurzeln nicht verliert.

Ein anderer Dialog, der in den letzten Tagen und Wochen ein ganz grosses Thema war, ist der Dialog mit den anderen Religionen. Papst Franziskus hat Vertreter der drei grossen monotheistischen Religionen zu einem Gebet für Frieden in den Vatikan eingeladen. Sie waren bei dieser historischen Begebenheit mit dabei. Wie haben Sie das Treffen erlebt und wie würden Sie es einordnen?

Die ursprüngliche Idee war, dass dieses Gebetstreffen während dem Besuch des Heiligen Vaters im Heiligen Land stattfinden könnte. Doch es war schwierig, im Heiligen Land einen einigermassen neutralen Ort zu finden, wo Palästinenser und Israeli zusammenkommen konnten. So kam diese Idee zustande, dieses Treffen in Rom zu machen. Es ist in einer grossen Tradition eingebettet, die bereits Papst Johannes Paul II., der ja kürzlich heiliggesprochen wurde, mit den Assisi-Treffen angefangen hat. Er hat dort jeweils Repräsentanten von anderen christlichen Konfessionen und anderen Religionen eingeladen nach Assisi, um für den Frieden zu beten. Das waren aber nie – wie auch jetzt in Rom nicht – interreligiöse Gebete. Ein solches Gebet wäre, wenn Juden, Christen und Muslime zusammen beten. Dies aber ist nicht möglich, weil das Gottesverständnis unterschiedlich ist. Aber gemeinsam hat man hingehorcht, wie Muslime, wie Juden und wie Christen um das gleiche Anliegen beten. Und ich denke, dass dies etwas sehr Grossartiges war.

Sie sagen, dass diese Religionen unterschiedliche Gottesvorstellungen haben. Obwohl diese verschiedenen Vertreter nicht miteinander gebetet haben, hat es trotzdem kontroverse Diskussionen ausgelöst. Denn, es wurde ja von Seitens des Papstes zum Gebet aufgerufen. Und gerade im Islam hat das Gebet eine ganz andere Identität und auch eine andere Aufgabe. Es gab nun Kritiker, die es als eine relativ 'heisse' Sache empfinden, wenn wir als Christen Muslime auffordern, zu Allah zu beten. Schliesslich ist Jesus Christus „der einzige Weg zum Vater“. Sollen denn Christen überhaupt Muslime zu ihrer Art von Gebet auffordern? Was sagen Sie zu dieser Fragestellung?

Wir Christen sind voll und ganz davon überzeugt, dass es nur einen Weg zum Heil gibt, das ist der Weg durch Jesus Christus. Aber das schliesst auf der anderen Seite nicht aus, dass man in diesem ganz konkreten Anliegen, nämlich, wie man Frieden und Versöhnung zwischen zwei Völkern finden kann, jenseits von Politik und Diplomatie, sondern aus dem Herzstück der Religion heraus einen Weg sucht. Das bedeutet jedoch überhaupt nicht, dass ich dann anerkennen muss, was ein Muslim betet. Dies entspricht auch sehr oft nicht dem, was wir glauben. Aber ich kann dabei sein, ihn hören und versuchen zu verstehen, dass auch ihm der Frieden ein Anliegen ist.

Es gab einen zweiten Punkt, der, so denke ich, vor allem im deutschen Sprachraum für Furore sorgte. Das ist die Tatsache, dass ein Imam noch ausser Protokoll das Mikrofon ergriff und eine Sure aus dem Koran zitierte. Diese Sure ist textlich etwas fragwürdig. Wie haben Sie diese Situation wahrgenommen und wie beurteilen Sie dieses Ereignis?

Ich hatte ja das Glück dabei zu sein, weil der Heilige Vater mich eingeladen hat. Aber die Gebet der Muslime waren natürlich in arabisch und ich verstehe kein arabisch. Bisher hatte ich auch nicht die Möglichkeit, zu überprüfen, was wirklich gebetet wurde. Solange ich es nicht ganz genau überprüft habe, möchte ich keine Stellung dazu nehmen.

Es wurde aus dem Koran zitiert. Es gibt Leute, die es schwierig finden, wenn im Vatikan aus diesem Buch zitiert wird. Man legitimiere damit auch irgendwie den Koran...

Das ist keine Legitimation des Korans, sondern es ist eine Einladung an die verschiedenen religiösen Traditionen. Die Muslime hätten übrigens wohl viel die grösseren Probleme und könnten sagen, dass sie damit nun das Christentum anerkannt haben. Aber Muslime können durchaus auch bei einem christlichen Gebet anwesend sein und zuhören, ohne dann sagen zu müssen, dass sie jetzt Christen geworden sind.

Kardinal Kurt, danke für dieses Gespräch.